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10.01.2012

Lebensbaum unterstützt terre-des-hommes-Kinderrechtskampagne für Ökolandbau

Interview mit Länderkoordinator Peter Strack zur Lage in Lateinamerika
Die ökologische Landwirtschaft bietet viele große Chancen: Sie schont die Ressourcen wie Boden, Luft und Wasser. Sie kann ausreichend Lebensmittel produzieren, um die Menschen zu ernähren. Sie ist klimafreundlich und sie ist widerstandsfähiger, wenn es um widrige Einflüsse wie den Klimawandel geht.
Ökolandbau ist zukunftsfähig und gehört deswegen zu den ökologischen Kinderrechten, für die sich das Kinderhilfswerk terre des hommes in einer gemeinsamen Facebook-Aktion mit Lebensbaum einsetzt. (Mehr dazu unter www.facebook.de/tdh)
Peter Strack, Länderkoordinator bei terre des hommes, berichtet in diesem Interview von seinen Erfahrungen mit Landwirtschaft, Ökolandbau und Klimawandel in Lateinamerika.
 
Sehr geehrter Herr Strack, wie ist es um die Landwirtschaft in Südamerika bestellt? In den Küstenregionen Perus überwiegt die exportorientierte Landwirtschaft (z. B. Zuckerrohr). Im Bergland hingegen betreiben kleine Gemeinden eine kleinbäuerliche Landwirtschaft. Ein großer Teil dieser Bauern versucht den Spagat zwischen kommerzieller und traditioneller Landwirtschaft. Vor allem Quechua-Bauern probieren sehr viel aus, leider auch Pestizide. Das führt zur Degenerierung der Böden, zum Verlust der Artenvielfalt und gelegentlich kommt es auch zu Unfällen mit den Chemikalien. In den Regenwaldregionen gibt es ein zusätzliches Problem: Die Erdölförderungen zerstören das komplexe ökologische Gleichgewicht der Regenwälder und gefährden damit die Lebensgrundlage vieler indianischer Kulturen.
In Chile ist die Situation ähnlich: Dort werden in hohem Maße Regenwälder abgeholzt und Pestizide eingesetzt. In der Andenregion (zur bolivianischen Grenze) herrscht eine kleinbäuerliche Wirtschaft, die von Indianern und Mestizen betrieben wird. Kleinbauern werden immer weiter zurückgedrängt. Die Kenntnisse über die traditionelle Agrarkultur sind stark rückläufig und wesentlich weniger verbreitet als in Peru.
 
Hat Lateinamerika verstäkt Probleme durch den Klimawandel? Zum Beispiel durch Trockenheit, Starkregen, Tier- und Pflanzenkrankheiten? Welchen Einfluss hat das auf die Landwirtschaft und damit auf die Lebensmittelversorgung? In Peru führt der Klimawandel zur Erhöhung der Temperatur und somit zum Abschmelzen der Gletscher, die ein wichtiges Wasser-Reservoir für die Kleinbauern in den Bergen darstellen. Extrem starke Regenfälle führen zu häufigeren Überschwemmungen, die große Hitze verursacht größere Trockenheit als früher. Nahrungsmittel werden knapp, ihr Bestand ist nicht mehr gesichert. Die Bevölkerung wird von einer externen Nahrungsmittelzufuhr (Markt oder Nahrungsmittelhilfe) abhängig. Die Nahrungsmittelhilfe ist grundsätzlich von einer geringeren Qualität als die eigenen Produkte, vor allem dann, wenn sie industriell verarbeitet werden (was meistens der Fall ist). Diese schlechten Lebensbedingungen auf dem Land führen vor allen Dingen bei den Jugendlichen zur Abwanderung in die Städte, wo sie sich eine bessere Existenz erhoffen.
Spezielles Problem: Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich bereits seit vielen Jahren in der Andenregion bemerkbar, nur schreiten diese Folgen heute noch viel schneller voran. Die Familien und Gemeinden haben kaum Zeit, sich an die extreme Situation anzupassen. Auch der Wissensaustausch über traditionelle Anbaumethoden funktioniert nicht so schnell. Die Kleinbauern wissen z. B. nicht, welche Kartoffelsorte in den neuen durch den Klimawandel veränderten Temperaturzonen am besten wächst. Hier setzen unsere Projekte an: Bauern unterschiedlicher Klimazonen erhalten die Möglichkeit ihre Erfahrungen mit Saatgut und Sorten auszutauschen. Sie bringen auf diesen Versammlungen ihr Saatgut mit, um es gegen anderes zu tauschen. Auf diese Weise reagieren sie auf die veränderten Klimabedingungen und sichern die Ernährung ihrer Familien.
 
Welche Chancen sehen Sie in der ökologischen Landwirtschaft? Wurden bereits Erfahrungen mit ihr gemacht? Die Bauern in Peru und Chile haben die kommerzielle Landwirtschaft, die den Einsatz von Pestiziden impliziert, ausprobiert und damit kurzfristig Erfolge erzielen können (z. B. höhere Ernten). Aber die negativen, langfristigen Auswirkungen auf Mensch und Natur haben viele Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, dazu motiviert, wieder auf die traditionelle Agrarkultur umzustellen. Und auch die Tatsache, dass die traditionelle Form der Agrarkultur den Einklang von Mensch und Natur im Blick hat. Die Achtung vor der Natur hilft nicht nur, den Ackerboden fruchtbar zu halten, sondern die gesamte Tier- und Pflanzenwelt zu schützen. Langfristig gesehen, sind die Kosten für die Bestellung der Äcker sogar geringer und die Erträge insgesamt sicherer.
 
Wie sieht der organische Landbau in Lateinamerika aus? Das hängt von der ökologischen Zone ab: In den tropischen Regionen sind Konzepte integrierter Waldnutzung wichtig und Mischkulturen statt größerer Anbauflächen. Die Hauptprobleme sind die »Schädlinge«, denen man durch kleinflächigen Anbau unterschiedlichster Pflanzen und die Herstellung natürlicher Schädlingsbekämpfungsmittel begegnet. Wichtig dabei ist der Waldschutz und die Stärkung indigener Gemeinden, damit sie ihre traditionellen Schutzmechanismen gegenüber Holzfällern, Siedlern, aber auch Straßenbauprojekten und der Erdölgewinnung durchsetzen können. Im Hochland sind die extremen Witterungsbedingungen die größte Herausforderung. Eine Antwort darauf ist die Bewahrung einer großen Vielfalt von Pflanzensorten, die zum Beispiel besonders kälteresistent sind oder den unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten entsprechen. Die Bauern orientieren sich an natürlichen Indikatoren wie etwa bestimmten Pflanzen, die nur auf besonders sauren Böden wachsen. Sie orientieren sich auch an den Sternen, die mit dem Agrarzyklus in Verbindung stehen, oder an Tieren in ihrer Umwelt wie Fröschen und Vögeln, die Voraussagen über die Wetterentwicklung möglich machen. Um Trockenperioden zu trotzen, werden Teiche angelegt, aus denen das Wasser in die Erde filtriert und neue Quellen ergibt. Solche anstrengenden Arbeiten können nur in größeren Gruppen durchgeführt werden. Das steht immer mit Ritualen, Musik etc. in Zusammenhang, die den Gemeindezusammenhalt und den Respekt vor der Natur stärken.
 
Ist die ökologische Landwirtschaft Ihrer Meinung nach auch ein gutes Instrument, um dem Klimawandel zu begegnen? Die traditionellen Agrarkulturen mildern die Folgen des Klimawandels in vielfältiger Weise. Die Artenvielfalt ermöglicht Ernten selbst bei extrem trockenen oder kalten Wetterverhältnissen. In den Bauerngemeinden hat sich ein Wissen erhalten, wie Wasser (von extremen Regenfällen) gespeichert und neue Quellen erschlossen werden können. An kleinen Teichen wachsen Heilpflanzen, im Wasser können Fische gezogen werden. Durch den Verzicht auf chemische, industriell hergestellte Schädlingsbekämpfungsmittel entstehen kleine Biosphären, in denen sich unterschiedliche Pflanzen und Tierarten ergänzen können. Außerdem ist der Energieeinsatz bei agrarchemischen Produkten selbst ein Klimakiller.
 
Welche ist Ihre größte Hoffnung in Bezug auf den Bio-Anbau? Es wäre wünschenswert, wenn die vielen positiven Erfahrungen in unseren Projekten auch Teil nationaler Landwirtschaftspolitik werden könnten.