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16.01.2013

Die Geschichte hinter der Kleidung

Ein Gespräch mit der grünen Designerin Isabell de Hillerin
Was hat dich angetrieben, Mode zu machen? Ich kann’s  nicht erklären. Ich habe mich einfach ganz früh für Kunst interessiert. Schon als Kind habe ich immer viel gemalt und gezeichnet, meist Kleidchen. Das war wohl mein Start in die Modebranche. In meiner Familie macht keiner Mode. Trotzdem hatte ich da immer Lust drauf. Einen Plan B gab es bei mir nicht.

Was begeistert dich am meisten an deiner Arbeit? Das Spannendste ist für mich dieser Entstehungsprozess. Man hat eine Idee, und am Ende kommt ein fertiges Kleidungsstück heraus. Die traditionellen Elemente geben dem Ganzen noch einen Mehrwert. Was mich am meisten reizt ist immer noch das Entwerfen von Kleidern.

Und was inspiriert dich zu deinen Entwürfen? Am Anfang steht immer die Recherche: was gibt es, was passiert in Sachen Mode, was wird vernachlässigt? Wegen dieser Suche kam auch das Traditionelle in meine Kollektionen. Ich habe während meines Studiums von den handgewebten Stoffen aus Moldawien und Rumänien gehört. Und, dass die langsam verschwinden. Die wollte ich unbedingt verwenden. Das ist Teil meiner Identität. Als sich herausstellte, dass so was nicht mehr auffindbar war, hat mich das nur umso mehr angespornt. Warum gibt’s das nicht mehr? Da habe ich mich auf die Suche gemacht und rumänische Dörfer abgeklappert. Die, die noch diese tollen Stoffe herstellen, sind alte Damen mit Holzwebstühlen in Mini-Dörfern. Aber für ihre Produkte gibt es keine Nachfrage mehr. Ich möchte ihr Handwerk unterstützen, durch meine Designs neu ins Licht setzen und Schwung reinbringen. So verbinde ich moderne Schnitte mit Tradition.

Mit welchem Ergebnis? Die Kollektion ist nicht folkloristisch, es soll ein schicker, cooler, cleaner Look sein, der durch traditionelle Details durchbrochen wird.

Also kein Musikantenstadel. Kein Museum. Genau. Ich will die alte Handwerkskunst bewahren und in einen neuen Kontext bringen.

Du verwendest viel Bio-Baumwolle. Warum? Wenn man sieht, wie konventionelle Stoffe hergestellt werden, unter welchen Bedingungen, dann denkt man um. Jeder Designer sollte versuchen, diesen Weg zu gehen.

Was denkst du, warum viele das nicht tun? Die großen Marken wollen die Preise möglichst gering halten. Sogar große Luxusmarken. Das ist doch absurd. Als kleines Label habe ich doch pro Stück viel höhere Kosten. Gerade, wenn man dabei lokales Handwerk fördern will und die Produktion nicht in Länder auslagert, in denen es viel billiger geht. Das machen aber leider auch Marken, die das gar nicht nötig haben.

Du beweist, dass es auch anders geht. Aber es ist schwierig. Man braucht einen langen Atem. Das gilt aber für alle Labels, sich einen Namen machen wollen.

Wie versuchst du, auf deine Kollektionen aufmerksam zu machen? Zum einen arbeite ich mit den grünen Plattformen im Internet. Aber nicht nur. Ich gehe auch nach Paris, auf die großen Modemessen. Erst einmal sollen die Stücke gut ankommen. Es soll schön aussehen. Im zweiten Schritt sollen die Leute erfahren, dass die Sachen aus Bio-Stoffen sind, dass sie traditionell verarbeitet wurden. Aber an erster Stelle steht ganz klar das Design. Das ist der einzige Weg, grüne Mode zur Selbstverständlichkeit zu machen.

Die Leute ziehen sich nicht an, weil sie die Welt retten wollen, sondern weil sie gut aussehen wollen. Ja, ganz genau.

Wie reagieren die Medien auf dich? Es gibt eine Menge Modeblogs, da passiert viel. Für die Medien geht es um Alleinstellungsmerkmale, da freut man sich immer über eine Geschichte hinter der Kleidung.
 
Brauchst du diese Aufmerksamkeit? Ja. Denn wenn wichtige Modeblogs über mich schreiben, z. B. LesMads, dann berichten die auch über mein neues Moldawien-Projekt, über die Stickereien der Damen in den Dörfern, bei -27 Grad, ohne fließend Wasser. Die erzählen, was hinter den Kulissen passiert, was das Label sagen will. Und damit halten sie die Leser auf dem Laufenden. Das ist eine ganz andere Ebene von Kundenkontakt.
 
Diese Transparenz grenzt ab von konventionellen Labels. Ja. Mode soll ja auch nicht anonym sein. Solche Informationen zu verbreiten, ist wichtig. Die Leute fragen nach: Woher kommen die Sachen, wie sind sie entstanden?
 
Ist dieses Interesse an den Hintergründen der Modewelt neu? Kunden erfahren heute viel mehr, ganz egal ob im Bereich Lebensmittel oder in der Mode. Sie schenken dem, was sie kaufen, mehr Beachtung. Bei Lebensmitteln ist das richtig krass. Leute, die die Möglichkeit haben, gehen selbstverständlich in den Biomarkt und holen da ihre Bio-Eier. Mein Ziel ist, dass das nicht bei Lebensmitteln bleibt, sondern auch bei Kleidung so wird.
 
Dennoch sind wir bei Bio-Lebensmitteln erst bei einem Marktanteil von 5 %. Was muss noch passieren? Man kann nicht erwarten, dass sofort jedermann mitmacht. Was aber wahnsinnig viel bringen würde, wäre ein Umdenken der großen Marken. Gerade diese einflussreichen Labels müssen ihre Arbeitsweise umstellen. Die erreichen über die Presse so viele Menschen.
 
Was hindert große Labels daran, Alternativen zur Billig-Produktion zu nutzen? Geld regiert die Welt. Das würde deren Profit schmälern.
 
Siehst du die Mode als Teil einer Lösung? Für den Kunden ist die Entstehung der Kleidungsstücke meist nicht so wichtig. Er geht in den Laden und findet etwas, das schön aussieht. Aber vielleicht interessiert ihn auch noch die Geschichte, der Bezug zu der Dame in Rumänien, die in zwei Wochen diesen Stoff gewebt hat. Das sind Assoziationen, die bereichern. Die Kleidungsstücke erhalten dadurch einen anderen Wert. So was hauen die Leute nicht nach zwei Wochen in die Tonne. Da steckt Arbeit drin. Es ist wichtig, das auch zu vermitteln.