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1. Juni 2012

Provence, Frankreich

Einwohner: 4,8 Mio.

Sprache: Französisch, Provençal

Typische Namen: Guste, Jórgi, Gabrieloun, Zouè, Françoun, Delfino

Und Lebensbaum? Bezieht Kräuter der Provence und Lavendelblüten aus der Region

Lavendel

Die Luft sei in Marseille „im Großen und Ganzen ein wenig schurkisch“, weiß Madame de Sévigné vor 300 Jahren zu berichten. Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Wir allerdings können nicht klagen.

Mit Café Crème sitzen wir beim „Boxer“ – früher hat er tatsächlich geboxt, heute gehört ihm das Café „Le Petit Nice“, eine Institution im Quartier La Plaine, dem Künstler- und Studentenviertel Marseilles. An einem der wackeligen Bistrotische treffen wir Ulrich Wentzler. Die Madame hätte uns vor dem Aussteiger gewiss gewarnt, sich aber getäuscht. Seit Anfang der 1980er beliefert er Lebensbaum mit phantastischen Kräutern der Provence. In den Anfangsjahren hat Ulrich Walter die Familie in den Volvo gepackt und Wentzler im Sommer besucht. Dann haben sie Kräuter mit der Sichel geschnitten, um zu verstehen, wie viel Arbeit und Sorgfalt dahintersteckt. Das Geheimnis der Kräuter der Provence muss man sich erarbeiten, sagt Wentzler. Wir nehmen ihn beim Wort und wollen in den nächsten Wochen zur Sichel greifen.

Wentzlers kastiger Citroën soll uns aufs Land bringen. Der Fußraum seines „Wald- und Wiesenautos“ gibt einen Vorgeschmack: überall Erde, Pflanzen, dazwischen wir. In Marseilles engen Gassen hilft kein Navigationssystem und kein Klagen. Man braucht eine Hupe, keine StVO, dafür aber Reaktion und Augenmaß. Wentzler hat beides und plötzlich spuckt uns die Stadt wieder aus. „Das Blau des Himmels wurde lichter, der Boden trockener, der Geruch des Farns ertrank im Duft des Lavendels, die Erde nahm glühende Farben an: Ocker, Rot, Violett. Die ersten Zypressen tauchten auf, die ersten Ölbäume …“. So erinnert sich Simone de Beauvoir an die Provence in den 1930ern und so zieht sie jetzt am geöffneten Autofenster vorbei.

Provence: Deine Schönheit hat dir lange nicht viel genützt. Du warst bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts touristisches Niemandsland und zähltest zu den ärmsten Regionen Europas. Aber dein buntes Völkchen war schon immer widerspenstig: ganz egal ob Cäsaren, Kaiser, Päpste oder Paris, den Herrschenden wurde reingeredet und misstraut. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auf kleinen Marktplätzen werden die wichtigen Dinge besprochen; die unwichtigen auch.

Auf dem Wochenmarkt von Uzès kauft Ulrich Wentzler noch schnell für die Mittagspause ein. Ein Mann mit Hut und Pudel auf dem Schoß bietet beiläufig Eier, Artischocken und Obst an. Wentzler sucht Melonen aus, kleine, honigsüße Kugeln.

Dann geht es raus auf die Felder. Umständlich halten wir die höllisch scharfen Sicheln möglichst weit von uns. „Das Setzen der Sichel ist die erste Geste“, erklärt Wentzler und umgreift mit ihr ein Büschel Thymian. Mit der anderen Hand packt er die Pflanzen am Schopf und zieht sie geschickt über die Sichel. Wir machen es ihm nach und schneiden nicht zu tief, so dass Augen und Äste bleiben und die Kräuter weiter gut gedeihen können.

Ulrich Wentzler verrät, dass es auf den ätherischen Ölgehalt der Provence-Kräuter ankommt. Durch das Zusammenspiel von Frühlingsregen, dann folgender Sommerhitze und kalkhaltigen Böden steigt die Konzentration der ätherischen Öle. In der durchlässigen Erde wurzeln die Pflanzen tief und vertrocknen daher nicht in der gleißenden Sonne.

Eine mächtige Hitze liegt über den Feldern. Der Rücken schmerzt. Pause machen wir an einem Olivenbaum. Und Wentzler packt aus: Wasserflaschen noch halb gefroren, dunkles Baguette, in Kastanienblätter eingelegten Schafskäse, schwarze Oliven, Sardellen, in Asche gewälzte Eselswürste, kandierte Früchte aus Apt.

Matt liegen wir im Gras. Nur Licht, kaum Wind, kein Schatten. Der würzige Duft der Hügel erfüllt die Luft. Thymian und Lavendel mischen sich mit dem Geruch von Rosmarin.

Nach getaner Arbeit übernachten wir auf Wentzlers Hof in der Haute-Provence. Jeden Abend führt der Weg dahin durch eine karge, ernste Landschaft. Durch die geöffneten Fenster weht Lavendelgeruch. Der feste Rhythmus aus Arbeit, gutem Essen und tiefem Schlaf lässt die Wochen viel zu schnell verstreichen.

Wir müssen weiter: Im Herbst wollen wir in Kanada sein und fliegen nach Montreal. Dem Französischen bleiben wir vorerst treu und freuen uns auf rote Beeren, bunte Bäume und wilde Bären. 

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